Kapitel 10: Wer bin ich?

Dies ist ein Kapitel aus meinem Buch „Erfahrungen auf früheren Leben – Band 1: Der Weg“. Aus dem Buch heraus extrahiert erfordert der Anfang und das Ende etwas Fantasie vom Leser, aber vielleicht erzeugt das genau die richtige Spannung für das fertige Buch. In diesem Kapitel geht es um die Frage: „Wer bin ich?“. Diese stelle ich nicht nur mir, sondern diese können wir uns alle stellen.


Wer bin ich?

Bei meiner rational denkenden linken Gehirnhälfte angelangt, kommt eine Frage in mir auf die ich mir immer wieder stelle: „Wer bin ich?“ Bin ich mein Körper oder bin ich mein Geist? Bin ich das, was ich erreicht habe oder besitze? Existiere ich nur in meinem Kopf? Vielleicht bin ich auch nur eine herumschwirrende Energie, die in einem Körper gefangen ist? Und bin ich wirklich ich? Wissenschaftler haben bis heute nicht herausgefunden, welcher Teil unseres Gehirns überhaupt für das Ich-Bewusstsein zuständig ist.
In meinem Lebensfilm geht die Reise weiter nach Bali, einer vulkanischen Insel mitten in Indonesien. Abseits der Touristenmassen kann ich noch bestaunen, wie die Welt aussah, bevor der Mensch, in seinem Glauben, es besser zu wissen, alles verändert hat. Hier findet man den paradiesischen Normalzustand auf der einen und die üblichen Touristenfallen auf der anderen Seite. Ich schaue mir heute einen Ort an, der mir Hoffnung gibt, der weit verbreiteten schulischen Durchschnittsfalle, die alle Schüler in ein veraltetes Notenschema presst, zu entfliehen.
Die „Green School“ hat auf Bali erfolgreich Fuß gefasst. Viel Positives wird über sie berichtet, und nun kann ich mich selbst davon überzeugen. Eine Führung bringt mich zu vielen Teilbereichen der Schule. Fast alle Gebäude sind aus Bambus gebaut. Wände und Fenster, wie ich sie aus normalen Schulen kenne, gibt es nicht. Die Natur verschmilzt mit dem Klassenraum zu einem harmonischen Raum der Entfaltung ohne jegliche Grenzen.
Die Schüler lernen den Lernstoff wie in jeder anderen Schule, jedoch wird zusätzlich der Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt. Sie dürfen an eigenen Projekten arbeiten und die Welt auf ihre Art und Weise erforschen. Bewegung, Meditation und Yoga stehen täglich auf dem Programm.
Mein Staunen nimmt kein Ende, und ich überdenke meine eigene Schulbildung. Gefangen in einem Wertesystem von „gut” und „schlecht” musste ich viel Zeit für die Fächer aufwenden, in denen ich schlecht war, und konnte nur wenig Zeit damit verbringen, meine Talente in den Fächern, in denen ich gut war, zu fördern. Warum ist das so? Brauchen wir ein Wertesystem, damit wir Menschen einteilen können? Dies klingt nach industrieller Revolution – jeder ist eine Maschine und hat zu funktionieren. Doch was unterscheidet uns dann von Maschinen?
Zu Beginn der Führung gehen wir von der Rezeption zum Fest- oder Vortragssaal. Ein Platz, der einem Kolosseum gleicht und mit Bambus kunstvoll überdacht ist. Hier werden regelmäßig Vorträge von Schülern gehalten, die ihre Projekte vorstellen.
Der angrenzende Spielplatz besteht aus einzelnen Spielzeugen, die je nach Belieben zusammengestellt oder umplatziert werden können. Ein lebendiger Raum, der je nach Laune verändert werden darf.
Den Eingangsbereich bilden mehrere Obst- und Gemüseläden, in denen die Waren gekauft und konsumiert werden können, die die Schüler ernten. Dies sind mehrere Tonnen pro Monat.
Das dreistöckige Hauptgebäude besteht ebenfalls zur Gänze aus Bambus. Sogar die Inneneinrichtung ist aus dem nachwachsenden Gras gezimmert. Abgesehen von der überwältigenden Architektur dieser Schule faszinieren mich die Grundgedanken, die auf Nachhaltigkeit basieren. Vom nachwachsenden Rohstoff Bambus über die Komposttoiletten bis hin zu den Gärten, in denen die Schüler ihr Essen selbst anbauen.
Diese Ansätze mögen vielleicht auch nicht alle perfekt sein, aber sie regen mich ausgesprochenen stark zum Nachdenken an. Fernab aller Schulen, die ich bis jetzt gesehen habe, wird mir bewusst, wie prägend die Schulzeit für mich war und wie wichtig und verantwortungsvoll die Aufgabe jedes einzelnen Lehrers ist. „Du kannst nicht singen.” „Du bist schlecht in Deutsch”. „Ein Mathegenie wird keines aus dir werden.” „Dein Englisch klingt wie das eines Drei-jährigen.” All diese Aussagen bestehen aus Momentaufnahmen und ersticken ein mögliches Potenzial im Keim. Viel schlimmer noch: Sie hinterlassen beim Betroffenen ein Gefühl des Ungenügendseins und nehmen den Mut für viele Jahre oder gar für das gesamte Leben, vielleicht doch ein verborgenes Talent zu entdecken.
Meine Gedanken bringen mich erneut zu der Frage, wer ich wirklich bin. So viele Menschen um mich herum scheinen mein Leben von Geburt an zu beeinflussen, sodass ich gar nicht mehr weiß, wer ich tatsächlich bin.
Am Ende der Führung erkunde ich das Gelände noch ein wenig auf eigene Faust. Ich möchte jeden Teil noch einmal in Ruhe auf mich wirken lassen. Der Yoga-Raum mitten im Dschungel ist eine der wenigen Gebäude, die nicht aus Bambus errichtet wurden. Dieser besteht aus alten Schiffsbrettern, die kunstvoll einladend die Energie der Umgebung im Zentrum des Raumes bündeln. Ich setze mich dort in die Mitte, schließe meine Augen und nehme ein paar tiefe Atemzüge.

***

Ich befinde mich in einem Kreis sitzend, gemeinsam mit einigen anderen Kindern. Mir gegenüber sitzt ein älterer Mann mit geschlossenen Augen. Langsam öffnet er sie und schaut in die Runde. Er blickt jeden einzelnen von uns ein Weile schweigend an. Als ich an der Reihe bin, schaut er mir so tief in meine Augen, als wolle er den Kern meiner Seele sehen.
Behutsam nimmt er einen faustgroßen Stein in die Hand, der neben ihm auf dem Boden liegt und beginnt zu sprechen: „Wisst ihr, was das ist? Richtig, ein Stein. Er möchte nicht mehr sein, jedoch auch nicht weniger. Er ist einfach ein Stein.
Und wisst ihr, wer ihr seid? Ihr seid die Erwartungen eurer Umgebung. Ihr kommt auf die Welt, und eure Eltern sagen euch, was gut und was schlecht ist, was ihr dürft und was nicht. Aber warum erzählen sie euch das? Weil ihre Eltern ihnen dies ebenso mitgegeben haben. Dieses Rad lässt sich ewig zurückdrehen.
Dann geht ihr in den Kindergarten, und abermals sagt euch jemand, was ihr zu tun und zu lassen habt. In der Schule geht es damit weiter. Von den Lehrern wird beurteilt, was ihr gut könnt und was nicht. Dieser Teufelskreis setzt sich fort, in der Lehre, im Studium und im Beruf. Ihr lebt euer ganzes Leben nach den Erwartungen anderer Menschen oder nach Richtlinien, die irgendjemand aufstellt.
Das geht solange, bis ihr an dem Punkt seid, wo ihr dies erkennt. Bis dahin habt ihr mühsam, Schale um Schale, sämtliche Erwartungen an euch in euer Leben integriert. So sehr, dass ihr glaubt, dies selbst zu sein. An dem Punkt könnt ihr das Rad umdrehen, Schale um Schale wieder abwerfen, um zu eurem Kern zu gelangen, zu eurem wahren Ich, zu eurer wahren Berufung.
Dieser Weg ist schwierig und steinig, denn die Gesellschaft sieht Befreiungen nicht gerne. Einerseits passt ihr dann in kein Schema mehr, und andererseits seid ihr nicht mehr manipulierbar. Jeder von uns hat eine Aufgabe auf der Erde, und diese kann er erst erfüllen, sobald er sein wahres Ich gefunden hat, sein volles Potenzial ausschöpft und nicht mehr für das scheinhafte Potenzial von anderen schuftet.
Von nun an, egal was ihr tut, fragt euch bei jeder Tat, ob ihr das selbst wollt oder ob jemand anderer will, dass ihr das macht. Auf diese Weise könnt ihr Schicht für Schicht die Erwartungen, nach denen ihr bereits lebt, wieder abbauen. Mit Geduld und Ausdauer werdet ihr euren wahren Kern finden. Ihr werdet euch selbst finden. Mehr kann ich euch dazu nicht sagen. Alles Weitere würde nur wieder Erwartungen aufbauen. Geht in die Welt, Kinder, und findet euch. Die Lehreinheit ist zu Ende – für immer.“

***

Langsam öffne ich meine Augen. Die Worte der soeben erhaltenen Lehrstunde hallen in mir nach. Aufs Neue bin ich von der Einfachheit, der unglaublichen Leichtigkeit des Seins überrascht. Wer auch immer versucht, mir einzureden, dass alles mühsam, kompliziert und komplex sei, vollbringt einen guten Job. Ich lebe so, wie ich lebe, weil ich glaube, dass ich nicht anders kann. Plötzlich erfahre ich, dass ich gar nicht nach meinen Idealen lebe, sondern nach dem, was meine Umgebung in mir aufgebaut hat.
Ein weiterer Prozess der Selbsterkenntnis und des Wahrnehmens des eigenen Potenzials beginnt und schubst mich auf meinem Weg vorwärts.


Wie geht es dir mit dem Ausschöpfen deines vollen Potenzials? Hast du vielleicht Tipps oder Erkenntnisse, die du teilen möchtest? Ich freue mich über Anregungen unten in den Kommentaren.

Danke Marie Jorunn für das wundervolle Bild.

Mehr Informationen zu mir findest du hier.

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